Paris – 21.07.2026: Ein Radio-Porträt über Alain Ducasse rückt den großen französischen Koch wieder an den Herd seiner eigenen Geschichte. Der erste Teil der fünfteiligen Reihe, am 20. Juli ausgestrahlt, trägt den Titel "Die Natur im Herzen". Das ist mehr als eine gefällige Überschrift: Für Ducasse ist Natur kein Dekorwort, sondern die Ordnung, nach der eine Küche schmecken soll – mit Produkten der Saison, klaren Aromen und einer bemerkenswerten Zurückhaltung gegenüber dem Überflüssigen.
Geboren wurde Ducasse 1956 in Orthez am Rand der Pyrenäen; aufgewachsen ist er auf einem Bauernhof in den Landes. Diese Herkunft wird in seiner Laufbahn gern als Ursprungserzählung bemüht, doch bei ihm hat sie tatsächlich kulinarische Folgen. Früh lernte er bei Michel Guérard, Gaston Lenotre, Alain Chapel und Roger Verge. Von ihnen übernahm er Handwerk, Präzision und die südfranzösische Achtung vor dem Produkt – und verwandelte diese Lektion später in eine weltläufige Unternehmung.
1984 wurde sein Leben jäh unterbrochen. Ducasse war der einzige Überlebende eines Flugzeugabsturzes in den Alpen und erlitt schwere Verletzungen. Die lange Rekonvaleszenz zwang den damals noch jungen Küchenchef zu Geduld und Neuorientierung. Aus der Erfahrung entstand kein sentimentales Lebensmotto, eher eine nüchterne Entschlossenheit: Kochen, so hat Ducasse es in verschiedenen Zusammenhängen beschrieben, müsse dem Geschmack dienen und zugleich Verantwortung für das Essen übernehmen.
Sein Aufstieg wurde zur Michelin-Geschichte. Im Louis XV des Hotel de Paris in Monaco erlangte er 1990, mit 33 Jahren, drei Sterne; das Haus war das erste Hotelrestaurant mit dieser Auszeichnung. 2005 hielt Ducasse gleichzeitig drei Drei-Sterne-Auszeichnungen für Restaurants in Monaco, Paris und New York – ein damals einzigartiger Rekord. Solche Zahlen sind im Kosmos der Haute Cuisine nie bloß Buchhaltung. Sie erzählen von einer Disziplin, die ihren Preis hat: Genauigkeit bis in die letzte Sauce.
Bemerkenswert bleibt jedoch, wie früh Ducasse die Opulenz der großen französischen Küche gegen eine andere Form des Luxus eintauschte. Sein 1987 eingeführtes Menu "Jardins de Provence" stellte Gemüse ins Zentrum. Später prägte er am Plaza Athenee die sogenannte Naturalite: eine Küche mit Gemüse, Getreide und Fisch, die Zucker, Salz und Fett zurücknimmt. Naturalite meint dabei keine asketische Diat, sondern die Suche nach der unverstellten Eigenart einer Zutat.
Heute steht Ducasse nicht nur für Restaurants, sondern auch für Ausbildungsstätten, Manufakturen und eine kulinarische Idee von Weitergabe. Sein Imperium kann gelegentlich wie eine sehr gut geführte Brigade wirken, die niemals Feierabend hat. Doch die Sendereihe erinnert daran, dass hinter der Marke ein Koch steht, dessen entscheidende Geste erstaunlich schlicht geblieben ist: der Natur zuzuhoren, bevor man ihr auf dem Teller zu viel erzählt.
Quellen
- franceinfo, Ces destins qui font l'info
- Ducasse Paris, Geschichte des Hauses
- Guide Michelin, Le Louis XV – Alain Ducasse
- Ecole Ducasse, Uber Alain Ducasse
- Gault&Millau, Portrat Alain Ducasse