Paris – 16.07.2026: Anders Thomas Jensen hat eine freundliche Zumutung an sein Publikum. Seine Filme verlangen, das Lachen nicht vorschnell für Harmlosigkeit zu halten. Mit "The Last Viking", der am 15. Juli in Frankreich angelaufen ist, kehrt der dänische Regisseur nun mit einer schwarzen Komödie zurück, in der sich Familienwunden, kriminelle Vergangenheit und Popmythen auf eigensinnige Weise verknoten.
Im Zentrum steht Anker, gespielt von Nikolaj Lie Kaas. Nach langer Haft sucht er nach einer vergrabenen Beute. Der einzige Mensch, der den Ort kennen könnte, ist sein Bruder Manfred, den Mads Mikkelsen verkörpert. Doch Manfred lebt in einer anderen Wirklichkeit: Er hält sich für John Lennon. Aus der Suche nach Geld wird so eine Reise durch Erinnerung, Rollenspiel und die erstaunlich widerstandsfähige Bindung zweier Brüder.
Jensen bewegt sich dabei in jenem dänischen Kino-Kosmos, den er seit Jahren mit vertrauten Gesichtern bevölkert. Mikkelsen und Lie Kaas standen bereits mehrfach für ihn vor der Kamera; "The Last Viking" ist ihre sechste gemeinsame Arbeit. Zur Besetzung gehören außerdem Sofie Gråbøl, Bodil Jørgensen, Lars Brygmann, Nicolas Bro und Søren Malling. Es ist ein Ensemble, das den grotesken Ton des Regisseurs kennt, ohne ihn zur bloßen Nummernrevue werden zu lassen.
In einem Gespräch über den Film bedauert Jensen die Gegenwart als eine Kultur des Selfies, in der die Kamera immerzu auf die eigene Person gerichtet werde. Der Satz beschreibt auch den kleinen Widerstand seines Kinos. Seine Figuren sind zwar exzentrisch, beschädigt und gelegentlich von ausgesprochen abenteuerlichen Ideen besessen. Aber sie werden nie lediglich als schrille Einzelgänger vorgeführt. Jensen interessiert sich dafür, wie Menschen einander ansehen – und wie schwer es sein kann, sich aus der eigenen Erzählung zu lösen.
Die schwarze Komödie, also Humor an den Rändern von Schmerz, Gewalt oder sozialer Verunsicherung, ist bei ihm kein kaltes Spiel. Gerade die Zumutungen des Stoffes machen Platz für Zärtlichkeit. Mikkelsen, international oft als Mann der kontrollierten Bedrohung besetzt, darf hier seine elastische Komik zeigen. Lie Kaas hält dagegen mit einer Figur, deren Härte weniger Charakterzug als Schutzschicht ist.
Der deutsche Titel des Films bleibt englisch, doch sein Ausgangspunkt ist unverkennbar nordisch: eine Welt aus lakonischen Sätzen, schiefen Loyalitäten und einem Ernst, der sich im nächsten Moment selbst ein Bein stellt. Dass Manfred ausgerechnet John Lennon sein will, ist dabei mehr als ein Gag. Die Beatles-Fantasie öffnet einen Raum, in dem Identität nicht festgeschrieben ist, sondern als fragile Improvisation erscheint.
"The Last Viking" setzt nicht auf die gepflegte Glätte des Gegenwartskinos. Der Film ist ruppig, verspielt und bewusst unberechenbar. Gerade darin liegt sein Reiz: Jensen dreht die Kamera weg vom Selbstporträt und hin zu den anderen – zu ihren Macken, ihrer Trauer und den seltsamen Rettungsversuchen, die Familie manchmal möglich macht.
Quellen
- Le Monde
- TrustNordisk
- AlloCine
- Franceinfo