Frankreich – 20.07.2026: Es war eine Nacht, die im Tour-Tross nachhallt. Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard wurden vor der 15. Etappe der Tour de France am 19. Juli aus dem Schlaf geholt, um unangekündigte Dopingkontrollen abzugeben. Der Träger des Gelben Trikots, Pogacar von UAE Team Emirates-XRG, wurde gegen 5 Uhr geweckt; Vingegaard von Visma-Lease a Bike bereits gegen 2 Uhr.
Die Uhrzeiten machten aus einer üblichen Maßnahme ein sportpolitisches Thema. Vor einer schweren Bergetappe zählt jede Stunde Regeneration: Schlaf, Flüssigkeitsaufnahme, Muskelentspannung und Konzentration sind Teil der Leistung. Vingegaard sagte vor dem Start, die Kontrolle habe seinen Schlaf deutlich beeinträchtigt. Pogacar erklärte später, er habe nach seinem Termin am frühen Morgen kaum wieder einschlafen können.
Die neue Information des Montags lautet: Die Kontrollen waren offenbar nicht bloß eine organisatorische Entscheidung vor Ort. Nach Angaben von L'Equipe hatte ein Richter die Durchführung außerhalb des gewöhnlichen Zeitfensters genehmigt. Damit erhält der Fall eine juristische Dimension, ohne dass daraus ein Verdacht oder ein Ergebnis gegen einen der beiden Fahrer abgeleitet werden kann.
Verantwortlich für das Anti-Doping-Programm der Tour ist die International Testing Agency, die im Auftrag des Radsport-Weltverbands UCI arbeitet. Die ITA hatte vor dem Start der Rundfahrt ein gezieltes, auf Risikoanalyse und Erkenntnissen aus dem biologischen Athletenpass gestütztes Kontrollsystem angekündigt. Tests können demnach während der gesamten drei Wochen stattfinden und sind nicht auf Zielankünfte beschränkt.
Nach ITA-Angaben waren bereits im Monat vor dem Tour-Start mehr als 360 Kontrollen bei erwarteten Teilnehmern vorgenommen worden. Während der Rundfahrt sind rund 600 Proben vorgesehen. Der Gesamtführende und der jeweilige Etappensieger werden regelmäßig getestet; zusätzlich soll die Auswahl der Kontrollen auf Leistungsdaten, Ermittlungsinformationen und weitere Risikofaktoren reagieren.
Gerade deshalb ist die Debatte heikel. Im Radsport gilt die Unabhängigkeit der Kontrolleure als Grundbedingung für Glaubwürdigkeit. Zugleich verlangt eine dreiwöchige Rundfahrt den Fahrern maximale körperliche Präzision. Eine Kontrolle mitten in der Nacht kann rechtlich zulässig und sportlich dennoch problematisch sein, wenn sie die Erholung vor einer Hochgebirgsetappe spürbar verkürzt.
Die Tour de France läuft bis zum 26. Juli. Für Pogacar und Vingegaard blieb von dieser Nacht vor allem ein ungewöhnliches Bild: zwei Rivalen im Zentrum des Gesamtklassements, getrennt untergebracht, beide vom selben System erfasst. Der Vorgang dokumentiert die Härte eines modernen Anti-Doping-Programms – und den Konflikt zwischen lückenloser Kontrolle und dem Schutz der sportlichen Regeneration.
Quellen
- Franceinfo
- International Testing Agency
- Union Cycliste Internationale
- L'Equipe