Paris – 15.07.2026: Sechs ehemalige Models haben in Paris Strafanzeige gegen Gérald Marie, den früheren Europa-Chef der Modelagentur Elite, erstattet. Die Frauen, überwiegend aus den USA, werfen ihm nach übereinstimmenden Medienberichten Vergewaltigung und Menschenhandel vor. Die mutmaßlichen Taten sollen sich in Paris sowie im Umfeld internationaler Modeproduktionen in den 1980er- und 1990er-Jahren ereignet haben.
Die Anzeigen geben den früheren Models einen neuen gemeinsamen rechtlichen Rahmen. Im Mittelpunkt stehen Schilderungen junger Frauen, die für ihre Karriere nach Frankreich kamen und damals von der Macht einzelner Agenturvertreter abhängig gewesen sein sollen. Welche einzelnen Vorwürfe die Pariser Justiz nun jeweils prüft und ob ein Ermittlungsverfahren eröffnet oder erweitert wird, war am Mittwoch zunächst nicht offiziell mitgeteilt worden.
Gérald Marie leitete über viele Jahre die europäische Sparte von Elite, einer der einflussreichsten Agenturen der internationalen Modebranche. Gegen ihn waren bereits seit 2020 Vorwürfe sexueller Gewalt öffentlich geworden. Mehrere frühere Models hatten sich damals an die französische Justiz gewandt und andere mögliche Betroffene aufgerufen, ihre Erfahrungen zu melden.
Eine der bekanntesten Klägerinnen ist das US-Model Carré Otis. Sie hatte Anfang Juni 2026 erneut Anzeige in Paris erstattet. Nach Angaben, die damals über ihre Beschwerde bekannt wurden, beschuldigt sie Marie, sie als Minderjährige mehrfach vergewaltigt und sie weiteren Männern zugeführt zu haben. Diese Anschuldigungen sind Vorwürfe der Klägerin; über ihre strafrechtliche Bewertung entscheidet allein die Justiz.
Marie hat die gegen ihn erhobenen Vorwürfe in der Vergangenheit zurückgewiesen. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung. Auch eine Anzeige ist kein Beleg für Schuld, sondern der Beginn oder die mögliche Fortsetzung eines justiziellen Prüfwegs. Gerade bei lange zurückliegenden mutmaßlichen Taten können Fragen der Verjährung und der Beweisbarkeit für das Verfahren entscheidend sein.
Der Fall lenkt den Blick erneut auf die Arbeitsbedingungen junger Models in einer Branche, in der Reisen, Unterbringung und berufliche Chancen oft über wenige Vermittler organisiert werden. Die Frauen berichten von einer Zeit, in der sie weit entfernt von ihrem Zuhause lebten und kaum unabhängige Ansprechpartner hatten. Ihre neuen Anzeigen sollen nach ihrem Verständnis nicht nur persönliche Vorwürfe klären, sondern weitere mögliche Betroffene ermutigen, sich an Behörden zu wenden.
Ob und in welchem Umfang die Pariser Staatsanwaltschaft die neuen Beschwerden mit älteren Vorgängen zusammenführt, bleibt offen. Klar ist bislang: Die jetzt erhobenen Anschuldigungen betreffen einen früheren Machtbereich der Modeindustrie und einen Zeitraum, der Jahrzehnte zurückliegt. Für die Klägerinnen beginnt damit dennoch ein neuer Versuch, ihre Aussagen vor französischen Ermittlungsbehörden prüfen zu lassen.
Quellen
- Franceinfo
- Le Parisien
- AFP